Über die Macht der Assoziationen beim Geniessen von Whisky

…. das hört sich nach einer trockenen Abhandlung an, ist aber eigentlich das genaue Gegenteil, nämlich ein überaus lustiges Tasting aus meinen noch gar nicht so lange zurück liegenden Zeiten, als ich vom Gelegenheits-Geniesser mit einer Flasche im häuslichen Vorrat zum Jäger, Sammler und Geniesser mit 8-12 geöffneten Flaschen und einer stetig wachsenden (Hilfe !) Sammlung wurde.

Wie bei vielen Hobbies, wurde anfangs die mangelnde Erfahrung und der fehlende Überblick über die gewaltige Menge von Scotch single malts ausgeglichen durch die frische Begeisterung des Anfängers. Und ein (relativer) Anfänger kann natürlich, wenn er das erste Mal einen Malt kostet, der wie für ihn geschaffen scheint, die tollsten Eindrücke sammeln.

Was für den Einen von uns Maltheads nur Ausdruck einer freudvollen Begeisterung ist, das ist für den anderen schon die kopfschütteln-auslösende Übertreibung. Und manchmal kann ein so starker Eindruck von Gerüchen und Geschmäckern ganz plötzlich auch Auslöser von lange verschütteten Kindheitserinnerungen werden.

Wer von uns kennt es nicht : Am Ende eines langen Winters sehnen wir den Frühling herbei und irgendwann kommt der Tag, an dem wir meinen, ihn zu riechen und manchmal schmecken wir ihn auch irgendwie; bilden es uns zumindest ein. So geht es mir jedenfalls und das ist dann mein ganz persönlicher Frühlingsanfang.

Und so was Ähnliches, ein wilder Flashback in die Kindheit, überkam mich, als ich vor Monaten das erste Mal den Aberlour 12 years old double cask, 43 Vol % , chill-filtered, non coloured, probierte. Heute würde ich gelassener und routinierter schreiben, aber schämen tue ich mich für meine anfängerhafte Begeisterung auch nicht. Genug der Vorrede, hier meine damaligen Tasting-notes :

Auge: Irgend ein kleines schwarzes Insekt vom suicide commando hat sich ins Nosingglas gestürzt und ist den Heldentod gestorben, ich entschuldige mich, das Viech muss erst entfernt werden. So. Das kleine Viech hat sich als Fetzen Silberpapier von der Korkenumhüllung heraus gestellt. Jetzt geht es also los.

Nase: Der Duft steigt von selbst in die Nase hinein. Wie unter Zwang mache ich die Augen zu. Ich werde ruhig, immer ruhiger und tiiiieeeef ziehe ich den Duft ein. Ich gleite hinweg. Nun ist es Herbst. Herbst 1968 in Bremen. Werder hat gerade in der Bundesliga gegen Braunschweig 2:1 gewonnen und meine Mama setzt mich auf den hinter dem Lenker angebrachten Kindersitz des weltkrieg-erprobten Sigurd-Fahrrads, mit dem wir zu einem Bauern fahren, um Äpfel zu kaufen. Der Bauer ist in der Nähe des Straßenbahndepots am Ende der Geschwister Scholl Straße. Wir kommen in eine große Scheune. Es ist ein goldener, sonniger Oktobernachmittag und die ganze riesige Scheune liegt voll mit roten, frisch gepflückten Äpfeln. Die alte Bäuerin mit einer hellblau verwaschenen Kittelschürze und ebensolchem Kopftuch füllt Unmengen dieser roten Äpfel in die überall am Fahrrad hängenden Taschen. Halt stopp, jetzt kommt etwas Gerstenmalz dazu. Toll. Zeit zu schmecken. …

Nö, nochmal den Zinken rein gehalten. Es ist jetzt wirklich die Bäuerin samt all ihrer beschissenen roten Äpfel und der Bauer mit einer Schubkarre frisch gedarrten Malzes ! In der Schubkarre muss vorher mal ein Glas Sherry ausgegossen worden sein. Prächtig.

Geschmack: 23,5 Pfund (!) rote Äpfel in der alten Ledertasche von Onkel Heini, die unten mit etwas Heu ausgepolstert war und in der meine Mama einen kleinen Stab Eichenholz als Verstärkung des Taschenbodens eingelegt hatte. Und ein paar der roten Äpfel haben vorher den Freischwimmer in der Sherry-Pfütze aus der Schubkarre gemacht.

Abgang / Nachklang: mittellang wunderbar abgeschmeckte Mischung von roten Äpfeln mit etwas Eiche. Anklänge von Apfelkuchen, so wie ihn meine Mama immer machte mit gutem Hefeteig auf einem großen Blech mit in den Teig gesteckten Apfel-Halbmonden, die mit einer kristallinen, karamellisierten Zimt-Zucker Mischung bestreut waren. Das Ganze im Abgang mit einem Hauch Fahrradlenker von Opas Sigurd-Fahrrad aus dem Weltkrieg. Die Bäuerin winkt uns nach und wir fahren schwankend heim. Ich greife vom Kindersitz in den Lenker und Mama schimpft.

Ich mache die Augen auf und bin auf einmal tief in Mittelfranken. Es ist wieder Spätherbst. Diesmal aber 2012.

3 thoughts on “Über die Macht der Assoziationen beim Geniessen von Whisky

  1. Avatar of mmmm

    Wow! Das ist ja mal eine tolle Beschreibung.UNd Du bist sicher, dass das nicht schon der zwölfte Dram an dem Abend war? ;-)
    Danke für die tollen Eindrücke.

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